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Songs und Liedertexte: "Tomorrow We'll See" von Sting

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Das ist ein Artikel aus meiner Serie zu Songs und Liedertexten:

Allgemeines zur Artikelserie

Ich bin offenbar ein Lyrics-Mensch: mir fallen Texte bei Songs auf, ich merke sie mir, sie stehen für mich meistens im Fokus eines Songs, der Song bekommt dadurch meistens für mich seine Bedeutung. Vermutlich kenne ich etliche hundert Songtexte auswendig.

In manchen Liedtexten erkenne ich eine wichtige Situation aus meinem eigenen Leben wieder. Das erzeugt eine besondere Bindung zu einem Lied. Viele Lieder sind aber auch ohne dieser besonderen Bindung einfach nur schön oder interessant.

Ich bin kein besonderer Experte für Musik oder Songtexte. Mir fehlt vermutlich auch das passende Vokabular, um die einzelnen Dinge zu benennen. Ich bin schon froh, dass ich weiß, was in diesem Kontext eine Bridge ist.

Meine Motivation für diese Serie:

Im Gegensatz zu vielen anderen Themenkreisen werde ich hier ausschließlich auf Deutsch schreiben. Das liegt auch daran, dass ich vor habe, etliche deutschsprachige Songtexte zu präsentieren.

Wenn nicht anders erwähnt oder entsprechend verlinkt, lese ich kaum bis keine Quellen speziell zum Schreiben der Artikel in dieser Serie. Das geschieht nicht aus Mangel an Recherchemotivation sondern ganz bewusst, um meine subjektiven Eindrücke nicht mit den Meinungen und Interpretationen anderer Personen zu vermischen. Ich habe es mir nicht angeeignet, standardmäßig zu meinen Lieblingssongs Recherchen zu betreiben. Viele meiner Lieblinge fand ich vor der Erfindung vom WWW. Nur selten fühlte ich den Drang, die Interpretationen von anderen Menschen zu suchen.

Oft habe ich allerdings zufällig oder auch nicht bereits Hintergrundinformationen mitbekommen, indem ich Künstler-Interviews las, Dokus angeschaut habe, Bücher las oder etwas im Radio aufgeschnappt habe.

Die Lyrics in meinen Artikeln habe ich selbst kontrolliert. Es gibt zu einem Song oft verschiedene Versionen. Diese haben auch oft verschiedene Lyrics als Basis. Daher beziehe ich mich auf eine bestimmte Version.

Du findest Allgemeines zu mir und Musik auch auf meinem Tag-Artikel zu "music".

Serviervorschlag

Ich empfehle, zuerst den Song bewusst anzuhören. Danach den Artikel lesen und dann nochmal den Song hören und neue Eindrücke via Kommentar unten dalassen.

In dieser Serie ist es mir besonders wichtig, Kommentare zu bekommen, da ich ansonsten eher zu IT-Themen schreibe und ohne genügend Interesse werde ich die Serie nicht fortsetzen.

Metadaten

Meine Gedanken

Das ist eines meiner absoluten Lieblingssongs. Keine Ahnung weshalb, aber der Song holt mich einfach ab, obwohl ich mit dem Thema des Songs so gar keinen persönlichen Bezug habe. Normalerweise ist das ein wesentlicher oder gar notwendiger Faktor, wenn mich ein Song ergreifen soll. Vielleicht ist dieser hier einfach nur gut gemacht? In jedem Fall öffnet sich in diesem Song ein kleines Fenster zu einer Welt, vor der man ansonsten wohl die Augen verschließt.

Das musikalische Intro mit vielen klassischen Instrumenten, die eine tolle Atmosphäre aufspannen.

The streets are wet
The lights have yet
To shed their tawdry lustre on the scene	  

Klingt schon fast nach hoher, klassischer Lyrik. "tawdry" steht für "kitschig" oder "billig/geschmacklos". Dazu der Kronleuchter (Luster) im Kontrast.

Gleich von Anfang an wird die Stimmung gesetzt. Nach dem tollen musikalischen Intro also eine Straßenszene.

My skirt’s too short
My tights have run
These new heels are killing me	  

Zu knappe Röcke? Löchrige Strumpfhosen? Unbequeme Stöckelschuhe? Sofort drängen sich Bilder von an einer finsteren Straße stehenden Prostituierten auf.

Das ist für diesen Song auch fast schon korrekt.

Nur in diesem Fall sollte man vielleicht erwähnen, dass Sting den Song geschrieben hat, als er aus dem vorbeifahrenden Auto die männlichen Prostituierten im Bois de Boulogne von Paris gesehen hat. Vermutlich kitzelte dieses Erlebnis seine Fantasie. Was müsste passieren, dass ich dort stattdessen an dieser Straße stehe? Wie schaut so ein Leben aus, wenn man sich in dieser Situation wiederfindet, wo die neuen Stöckelschuhe fürchterlich weh tun und man trotzdem gute Miene zum bösen Spiel macht? Welche Umstände führen zu solch einer Existenz? Was bewegt diese Menschen? Wie sieht ihr Alltag aus?

Mit diesem Hintergrundwissen ist es auch nicht weiter sonderlich seltsam, wenn Sing als Mann hier diesen Song wiedergibt. Es geht in diesem Fall ausschließlich um Männer. Die einen mit Geld und Bedürftnissen, die anderen mit Verzweiflung und Not.

My second pack of cigarettes
It’s a slow night but there’s time yet
Here comes John from his other life
He may be driving to his wife
But he'll slow down take a look
I’ve learned to read them just like books
And it’s already half past ten
But they’ll be back again	  

Offenbar hat der Protagonist schon soweit Erfahrung, dass er die Muster kennt. Er weiß, wann die Kunden vorbeischauen. Er hat schon soweit Freier kennengelernt, dass er deren Vornamen und Lebensumstände von außerhalb dieser abgeschiedenen Welt kennt. Es ist offenbar so, dass sich die Kunden den Sexarbeitern öffnen und von ihren Leben berichten. Sexarbeiter fungieren demnach auch als Gesprächstherapeuten.

Dann ist es auch kein Wunder: Aufmerksame Sexarbeiter lesen Kunden wie Bücher.

Headlights in the rainy street
I check, make sure it’s not the heat
I wink, I smile, I wave my hand	  

Die übliche Geschäftsanbahnung. Werbung. Erfüllen von Erwartungshaltungen.

He stops and seems to understand
The small transaction we must make
I tell him that my heart will break
If he’s not a generous man
I step into his van	  

Das Verkaufsangebot war vielversprechend genug für eine Entscheidung, die finanzielle Potenz wurde betont abgecheckt, man geht das Risiko ein und begibt sich in das Auto.

The say the first is the hardest trick
After that it’s just a matter of logic
They have the money I have the time
Being pretty is my only crime	  

Wenn man in dem Business einsteigt, scheint es schon nach dem ersten Geschäft zur Routine zu werden. Es geht schließlich nur um den Tausch von Geld und Zeit. Gewisse körperliche Schönheit ist eine notwendige Voraussetzung.

You ask what future do I see
I say it’s really up to me
I don’t need forgiving
I’m just making a living	  

Dies ist eine sehr starke Stelle, wie ich finde.

Der Sexarbeiter betont, die Situation voll im Griff zu haben. Ob das jetzt ein Selbstbetrug ist oder nicht, kann man verschieden sehen.

In jedem Fall geht es hier nicht um Mitleid, Vergebung oder Sünde: es ist ein Job, der aktuell die finzanzielle Existenz sichert. Nichts weiter.

Vielleicht auch eine Flokel, die den Sexarbeiter beruhigt oder eine Form von Abstand zum Erlebten bietet?

Don’t judge me
You could be me in another life
In another set of circumstances	  

Hier ist das Thema von oben wieder: jede(r) kann in so eine Lage kommen. Es sind nur die Umstände, die uns trennen. Man ist nicht besser oder schlechter.

Don’t judge me
One more night I’ll just have to take my chances
And tomorrow we’ll see	  

Auch hier begegnet uns das Thema wieder von "Barry Williams Show" von Peter Gabriel, wo ein Protagonist (sich selbst?) versichert, jederzeit aufhören zu können aber diese eine Nacht nutzt man nochmal für sich. Morgen kann man sich dann neu orientieren.

[instr.]	  

Soweit zur Einführung in die Thematik.

In Ordnung, wenn man sowas als Job sieht, um einfach seinen Lebensunterhalt zu bestreiten ... passt doch alles, oder?

Nun wird es gleich deutlich finsterer.

A friend of mine he wound up dead
His dress was stained the colour red
No next of kin no fixed abode
Another victim on this road	  

Das ist ein harter Realitätsabgleich. Offenbar ist das kein unerhebliches Risiko für Leib und Leben. Menschen, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben, sind gern gesehene Opfer von Gewaltverbrechen.

Für die Polizei scheinen solche Todesfälle Routine zu sein.

Das mit "stained the colour red" erinnert mich auch an "Fagile", einem anderen Hit von Sting.

The police just carted him away
But someone took his place next day	  

Wird wo ein Platz an der Straße frei, mangelt es nicht an menschlichem Nachschub.

Wieder jemand, der "the first is the hardest trick" lernt. Wieder ein Schicksal, dem keine anderen Einkünfte zur Verfügung stehen. Ein neues Gesicht für den Markt.

He was home by thanksgiving
But not with the living	  

Dafür liebe ich Stings Songtexte. Diese Zeilen, die gleichzeitig überraschen und verblüffen.

In diesem Fall wird die Phrase "home by thanksgiving", das man üblicherweise mit kitschig-harmonischen Familienfeiern in Verbindung setzt, durch jenes "home" konterkariert, das man mit Eingang ins Himmelreich verbindet. Und das fast so nebenbei in einem nachgeschobenen Halbssatz. Vom Aufbau her ein klassischer Witz.

Inhaltlich furchtbar tragisch und lyrisch ziemlich genial umgesetzt, sodass sich der dunkle Effekt an dieser Stelle maximal verstärkt.

Don’t judge me
You could be me in another life
In another set of circumstances
Don’t judge me
One more night I’ll just have to take my chances	  

Noch immer der gleiche Refrain aber diesmal mit einem deutlich trüberen Beigeschmack. Der warnende Charakter dieser Zeilen kommt diesmal besser hervor.

And no it’s just not in my plan
For someone to care who I am	  

Spannend. Offenbar möchte der Protagonist auch nicht von jemanden Dritten gerettet werden. Oder es geht darum, nicht bewertet zu werden?

I'm walking the streets for money
It’s the business of love, "hey honey, c'mon"	  

Weiter mit Business as usual.

Auch hier die Betonung, dass es ums Geld geht. Die Deckung der Lebensunterhaltskosten. Das Business ist Liebe aber Geld ist das Ziel. Der Rest passiert als Zierde, als kleines Theaterstück, wo alle Beteiligten für kurze Zeit so tun als ob.

Don’t leave me lonely, don’t leave me sad
It’ll be the sweetest five minutes you ever had	  

Wow, hier muss es ja um ein hochqualitatives Erlebnis gehen, wenn fünf Minuten ausreichend sind, die Sache hinter sich zu bringen.

Don’t judge me
You could be me in another life
In another set of circumstances
Don’t judge me
One more night I’ll just have to take my chances	  

In der dritten Wiederholung klingen die gleichen Wörter für mich noch mehr nach Verzweiflung und wie sich der Protagonist versucht, selbst etwas einzureden. Mehr Durchhalteparolen statt "business as usual". Mehr Überleben als Job.

And tomorrow we’ll see	  

Die Schlusszeile endet in moll mit einem tragischen Beigeschmack. So wie auch der ganze Song.


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